Altes neu aufleben lassen, aber bitte ohne den Staub der 1950er (VAMP HS25.2 reVAMP)

The following is our article published in the HS25.2 issue of VAMP:

Es gibt Dinge aus vergangenen Zeiten, die wir gerne wieder aufleben lassen: Vintage-Kleidung, Schallplatten, oder die Fähigkeit, ein Buch zu lesen, ohne zwischendurch fünfmal Mails zu checken. Und dann gibt es Dinge, die dürfen ruhig in der Vergangenheit bleiben, zum Beispiel Overheadprojektoren oder die Vorstellung, dass das Wort „Physiker“ selbstverständlich alle Menschen im Hörsaal meint.

Bei Phi:male, der Gleichberechtigungskommission des VMP, finden wir: Wenn wir schon Altes zurückholen, dann bitte nur das Gute. Den Rest können wir zeitgemäß verbessern.

Genderinklusive Sprache: Es ist 2025, nicht 1825

Sprachen verändern sich. Das ist normal. Niemand verwendet heute noch „Fräulein“ in Bewerbungen oder Latein im Alltag (mit Ausnahme mancher Mathestudierenden, die gerne „Q.E.D.“ sagen).

Genauso normal ist es, unsere Sprache inklusiver zu gestalten. Nicht, weil jemand empfindlich wäre, sondern weil Sprache Realität prägt. Wenn wir nur über „Physiker“ sprechen, fühlen sich manche Menschen eben nicht mitgemeint. Und die Daten zeigen, dass das nicht nur Einbildung ist.

Unser Ziel ist deshalb nicht, euch zu bevormunden oder ein Sternchenpflichtprogramm einzuführen. Uns geht es darum, ein Bewusstsein zu schaffen. Eine kleine Änderung im Satzbau kann ein großes Signal senden. Nämlich: „Du gehörst hierhin.“

Diskriminierung in der akademischen Welt: Alt, aber kaum nostalgisch

Einige Traditionen der Wissenschaft haben Nostalgiepotenzial: die Feynman Lectures, elegante Tafelbeweise oder der innige Glaube, dass Kaffee eine vollwertige Mahlzeit ist.

Andere Traditionen brauchen wir nicht zurück. Etwa die, dass Frauen* und FLINTA-Personen in Physik und Mathematik systematisch unterrepräsentiert sind. Oder dass sie häufiger unterbrochen werden, wenn sie sprechen. Oder dass ihnen öfter erklärt wird, was sie eigentlich selbst erklärt haben.

Die Leaky Pipeline: Wenn das Rohr tropft, verlieren wir Menschen

Vielleicht habt ihr schon von unserem Projekt zur Untersuchung des Leaky-Pipeline-Phänomens gehört. Falls nicht: Stellt euch ein Rohr vor, durch das talentierte Menschen fließen sollen, von der Schule in den Bachelor, weiter in den Master, die Forschung und irgendwann in die Professur.

Jetzt stellt euch vor, dieses Rohr hätte unterwegs Löcher. Kleine, große, konstante Tropfer, manchmal auch richtige Strahlverluste.

Durch diese Undichtigkeiten gehen uns Menschen verloren. Und zwar überdurchschnittlich viele Frauen und marginalisierte Personen. Nicht, weil sie weniger talentiert wären, sondern weil die Bedingungen schlechter werden: fehlende Vorbilder, stereotype Erwartungen, ungleiche Förderung, Ausschlussmechanismen und subtile wie auch offene Formen von Diskriminierung.

Unser Projekt untersucht diese Pipeline an der ETH. Wo verlieren wir besonders viele Menschen? Und wie können wir die Löcher abdichten?

Duct-Tape reicht dafür nicht aus. Gute Daten, ehrliche Diskussionen und strukturelle Veränderungen dagegen schon.

Zurück in die Zukunft

Wenn wir Altes neu aufleben lassen wollen, dann nehmen wir die guten Dinge mit: wissenschaftliche Neugier, Begeisterung für Probleme, die eigentlich niemand freiwillig lösen will, und die Fähigkeit, nachts um drei noch 200 Zeilen Code zu debuggen.

Die schlechten Dinge lassen wir mutig hinter uns. Traditionen kann man weiterführen, ohne ihre blinden Flecken mitzuschleppen.

Sprache, Strukturen und unser Umgang miteinander dürfen wachsen.

Die Wissenschaft soll es schließlich auch.

Daniel Gotsmann, Naomi Saillen

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